PRÄSENTATION
Unter Italiens Weinstädten hat Verona seinen ganz eigenen Reiz. Dazu gehört zwar, dass es „gleich Florenz von sanften, mit Zypressen gesprenkelten und von Weingärten gekränzten Hügeln umgeben ist“, wie der Schiftsteller Paolo Monelli in seinem 1935 erschienen und kürzlich neuaufgelegten Buch “Il Ghiottone errante” schreibt. Aber das reicht bei weitem nicht aus, um Veronas Einzigartigkeit zu erklären. Um seine Faszination zu begreifen, ist es notwendig, durch die Rebgärten zu streifen und die Weine zu kosten. Es sind Weine, die, obwohl sie so unterschiedlich in ihrem Charakter und Ausdruck erscheinen, in Wirklichkeit miteinander verbunden und Teil eines Ganzen sind. Dieses Ganze kann als Biodiversität definiert werden, im Sinne eines Organismus, der sich mit den Jahren aus vielen einzelnen Teilen geformt hat, nicht etwa als bloße Ansammlung von Komponenten. Paolo Monelli, der über seine Feinfühligkeit als Beobachter hinaus, über eine treffsichere technische Kompetenz verfügte, kann uns helfen, die vielen Charaktere der Weine Veronas kennenzulernen.
Da ist einmal der „klare, nervöse und leicht aromatische“ Soave, daneben die Roten aus Arcole mit ihrer dem Bordeaux ähnlichen balsamischen Intensität und der Bardolino „anmutig, leicht salzig, hell und kompakt“. Darüber steht der Amarone, das ganze Gegenteil mit seiner Dichte und Opulenz in der Frucht, der dank seiner großzügigen Kraft dazu fähig ist, „Freundschaften zu stiften und zu festigen“. Auf der einen Seite haben wir den Schaumwein Durello dei Monti Lessini, durchzogen von salziger Vitalität, auf der anderen den saftigen Recioto, „dessen Name allein schon Lust macht ihn zu trinken“ – und natürlich seine betörenden Süsse. Dann gibt es noch die knackige Frische der Weißweine aus Custoza und Lugana, die ihre rote Entsprechung in den anregenden Rotweinen des Valpolicella finden und die würzigen Noten der Roten vom Gardasee, die aus der Ferne mit der langlinigen Silhouette der Weißen vom Etschtal korrespondieren. Eines ist sicher: Wenn man anderenorts über Liebe zum Wein sprechen kann, so hat man es in Verona mit einem regelrechten Kult um den Wein zu tun. Diesen, versteht sich, weltlichen Kult nährt eher die Offenheit gegenüber Unterschiedlichkeiten als Eklektizismus. Und die nimmersatte Neugierde der Menschen belebt diesen Kult noch weit mehr als die Bewertungspunkte der Weinführer.
Die Auswahl, die wir hier vorstellen, will diese Verschiedenheiten aufzeigen.
Sie beschränkt sich aber nicht auf eine aufmerksame Erkundung der einzelnen Anbauzonen Veronas. Die Selektion versucht auch, die vielseitige Produktion der diversen Territorien mit einem weiteren unabdingbaren Element der Differenzierung zu verbinden, dem der verschiedenen Stile des Weinmachens.
Die Identität eines Weines, seine Typizität und die Einmaligkeit seines Charakters sind heute mehr denn je auf das interpretatorische Talent des Produzenten angewiesen, auf seine Fähigkeit, eine Vision vorzuschlagen und einen Stil zu definieren. Genau dieser Fächer aus unterschiedlichen Stilen und Ausdrucksformen, spiegelt sich in der Selektion von Verona Wine Top wider: ein stimulierendes und vielschichtiges Repertoire, in dem individuelle Tropfen von Kleinstwinzern mit den technisch ausgereiften Etiketten der großen Kooperativen abwechseln, Weine, die in der Lage sind, sowohl den Einsteiger als auch den Kenner zu begeistern. Was wäre eine Weinkultur ohne den Wunsch, einen immer wacheren Geschmackssinn zu kultivieren, den man im Spiel mit den Ähnlichkeiten und Unterschieden, das auch dem Weinverkosten zugrunde liegt, einsetzt? Wohin führt uns die Weinleidenschaft, wenn nicht in eine immer vertrautere Dimension der Geschmäcker und der Schönheit des Stoffs, der diese Passion nährt? Paolo Monelli beschrieb Verona nach seinem Aufenthalt als „die große Osteria des Volkes“. Auch er war in die Stadt berufen worden, um Weine und Speisen auszuwählen und zu beurteilen. Er berichtete, dass er sich mit jedem Schluck nicht nur „fähiger fühlte, diese wunderschöne Stadt zu verstehen“, sondern auch „entschlossener, sie zu besitzen“. Wenn dem noch heute so ist, wenn also auch wir dem Wein die Aufgabe übertragen können, unser Einfühlungsvermögen, die Wahrnehmung und das Erkennen zu fördern, um die Schönheit von Orten besser zu begreifen und uns zu eigen zu machen, dann dürfte kein Zweifel über die kulturelle Bedeutung des Weintrinkens bestehen. Und in unserer idealen Schatzkiste fänden sich, neben der Aufnahme einer Oper, die wir in der Arena gehört haben, einem Buch über die Baukunst der Scaliger und einer DVD mit der Jüngsten Filmversion von Shakespeares Romeo und Julia, auch einige Flaschen besten Veroneser Weines. Besonders der Weine, die bei der Wine Top Selektion prämiert wurden.
Giampaolo Gravina
Gampaolo Gravina ist 45 Jahre alt und lebt in Rom. Nach seinem Studienabschluß in Philosophie und einem Forschungsdoktorat in Kunsttheorie arbeitet er seit über zehn Jahren mit Prof. Edoardo Ferrario an der Fakultät für phänomenologische Ästhetik an der
römischen Universität „la Sapienza” zusammen. Während dieser Zeit nahm sein Interesse für Wein und Gastronomie Gestalt an: In der zweiten Hälfte der 90er Jahre eröffnete und führte er das Restaurant „Uno e Bino” im römischen Stadtviertel San Lorenzo.
Dann kam eine eigene Sendung auf RadioRai Tre hinzu, die sich unter dem Titel „Puri Spiriti” Weinthemen widmete. Seit 2001 arbeitet Giampaolo Gravina als Vize-Herausgeber für den Führer „I Vini d’Italia”, der im Verlag L’Espresso erscheint. Darüber hinaus nimmt er als Referent an zahlreichen Degustationen und Symposien teil und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Enogea, für die Publikationen der Vereinigung Go Wine und den Restaurantführer des Gambero Rosso.